Third Star

Third Star © 2010 Western Edge Pictures Ein wenig ist es wie Ertrinken. Der Sog des Films „Third Star“ (OT: „Third Star“) aus dem Jahr 2010 über den unheilbar an Krebs erkrankten 29-jährigen James (Benedict Cumberbatch), der vermutlich ein letztes Mal mit seinen Jugendfreunden Davy (Tom Burke), Miles (JJ Feild) und Bill (Adam Robertson) seinen Lieblingsort Barafundle Bay besuchen will, zieht den Zuschauer mit sich, er kitzelt an seinen Gefühlen und packt diese dann in einem Strang, der einem zuweilen die Luft abschnürt. Obwohl das Wort im Spielfilmdebüt der Regisseurin Hattie Dalton nicht explizit erwähnt wird, ist es eine Form der Sehnsucht, die von ihm ausgeht. Wenn wir die unterschiedlichen Jungs – nein, es sind noch keine „erwachsenen“ Männer – dabei beobachten, wie sie aufbrechen auf diese zunächst von einer ausgesprochenen Naivität beseelten, halsbrecherischen Tour, im Gepäck nicht nur den todkranken James und seinen improvisierten „Roll(stuhl)wagen“, sondern auch ihre jeweils eigene Geschichte, fühlen wir die mitreißende Kraft von Freundschaft und Bindung, egal wie unterschiedlich die dargestellten Charaktere und ihre Beweggründe sein mögen und wie weit sie sich schon voneinander entfernt haben:

Davy, arbeitslos und seit Beginn von James Krankheit immer an seiner Seite, sein loyaler Fürsorger, der sich mit dieser Aufgabe auch ein wenig aus seinem eigenen Leben davonstiehlt; Bill, der schräge Naturbursche, dessen verrückten Einfällen die eigene Unerfahrenheit und eine nahezu fatalistische Bodenständigkeit gegenübersteht; Miles, gutaussehender Frauenschwarm, der – statt seinen eigenen schriftstellerischen Ambitionen zu folgen  – im Schatten seines erfolgreichen und ebenfalls an Krebs gestorbenen Schriftstellervaters eine Karriere in der Werbebranche vorzieht und in seiner verschlossenen, nahezu arroganten Art alle Emotionen ins Spöttische zieht. Im Zentrum dieser Bande steht James, der undurchsichtigste der vier Charaktere: willensstark genug, um sich trotz seiner bereits sichtlich an ihm nagenden Krankheit auf diese beschwerliche Reise über wortwörtlich „Stock und Stein“ zu machen und doch mit sich hadernd, dass er nie etwas im Leben zu Ende gebracht hat; mutig seinen Ängsten und seiner Panik vor dem Tod und dem Nicht-Sein entgegentretend und gleichzeitig schon ein wenig vom Leben abgerückt und schwindend. Auf jeden Fall ist James Spielball und Spielleiter zugleich, über ihn entwickelt sich das Spiel der anderen Figuren: Entweder wirft er seinen Freunden die Bälle zu, stellt ihnen Fragen, denen sie sich nur zu gern entziehen, provoziert sie, um eine ohnmächtige Wut über die eigene Situation loszuwerden; oder seine Präsenz und die Beschwerlichkeiten seines Leidens selbst initiieren den Ablauf der Handlung und die Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten.

Wenn wir Davy, Bill, Miles und James begleiten, meist inmitten der wunderschön wilden Landschaft des walisischen Pembrokeshire, fühlen die von uns, die eine solche Nähe verloren haben, den Wunsch, sie wieder zu spüren, den ganzen Wirbel an Gefühlen und Erlebnissen, wie wir sie nur in Gegenwart von Freunden erleben können – nicht mit dem Partner, der Familie oder Kindern. Ausgelassenheit bis hin zu kindischem Übermut; Konflikte, die wir ob der fehlenden Sicherheit dem anderen Gegenüber allzu oft übergehen und die doch irgendwann aufbrechen; Unvernunft und Dummheit; Verantwortung; der Wunsch, Hilfe und Stütze zu sein, Leid und Angst zu teilen; und Liebe. Ausgesprochen hören wir dieses Wort im Film erstaunlicherweise sehr selten – dies, einige skurrile Situationen, mit denen die vier Weggefährten konfrontiert werden, und die Authentizität der Figuren verhindern, dass etwas in Kitsch abrutscht, was im Grunde meilenweit von ihm entfernt ist. Stattdessen lachen wir, wir weinen auch, vor allem aber sehnen wir mit den Figuren – nach Anerkennung und Lob von anderen, nach Klarheit angesichts anstehender folgenschwerer Entscheidungen, nach Kraft im Umgang mit dem Tod des anderen und dem Weiterleben des eigenen Selbst und nach einer Bedeutung in dem, was wir tun, was wir sind und was wir irgendwann nicht mehr sein werden.

Die Antwort auf die Frage, inwiefern der Film die Realität um das Sterben und die inneren Befindlichkeiten eines insbesondere an einer derart zerstörenden und schmerzhaften Krankheit Sterbenden reflektiert, bleibt für jeden, der nicht selbst eine solche Krankheit überwunden oder den Tod eines nahestehenden Menschen miterlebt hat, offen. Was jedoch die meisten, wenn nicht alle von uns kennen sollten, ist das Band der Freundschaft, eine Verbindung zwischen Menschen, die trotz unterschiedlicher Wesenszüge, Auffassungen, Motiven und Wünschen besteht, die uns fordert und manchmal mehr abverlangt, als wir glauben, geben zu können.

Getragen wird dieses ruhige und zugleich aufwühlende Drama durch die Leistung der vier Schauspieler: Tom Burke – einigen von uns aus der zweiten Staffel der BBC-Serie “The Hour” bekannt und Sohn des Schauspielerehepaars David Burke und Anna Calder-MarshallAdam Robertson – neben der Schauspielerei Film- und Theaterproduzent sowie Mitbegründer von Western Edge PicturesJJ Feild – trotz seiner Kombination aus Attraktivität und Talent lässt sein Durchbruch im Filmgeschäft auf sich warten (seine Ähnlichkeit mit dem aus dem „Thor“-Universum bekannten Tom Hiddleston dürfte nicht allzu förderlich sein); und zu guter Letzt „Sherlock“-Darsteller  Benedict Cumberbatch – der  sowohl visuell als auch stimmlich eine Ausnahmeerscheinung im Hollywoodzirkus darstellt und gerade deshalb zurecht alle aktuellen Schauspieler- und Starrankings anführt. Durch sie können wir nachempfinden, wie ihre Figuren  die schier unlösbar erscheinende Aufgabe, ihr eigenes Leben zu „leben“, verunsichert und wie sie die Konfrontation mit dem Tod zwingt, sich ihren eigenen Ängsten zu stellen und diese möglicherweise zu überwinden. Insofern ist der Film „Third Star“ eine ebenso ungewöhnliche wie vertraut erscheinende „Coming-of-Age“-Variante, gefilmt in einer ihm innewohnenden Schönheit und untermalt von einem Soundtrack, der v.a. mit Liedern wie James Vincent McMorrows wunderbarem “Follow You Down To The Red Oak Tree” oder “Demon Days“ von The Memory Band feat. Liam Bailey das Lebensgefühl des Films, seiner Protagonisten und eventuell auch einigen von uns widerspiegelt.

Third Star (OT: Third Star)
UK 2010 / 92 min / FSK: 12 / Western Edge Pictures
Regie: Hattie Dalton
Drehbuch: Vaughan Sivell
Darsteller: Benedict Cumberbatch, JJ Feild, Tom Burke, Adam Robertson, Hugh Bonneville …mehr
Produktion: Kelly Broad, Vaughan Sivell
Musik: Stephen Hilton
Kamera: Carlos Catalán

Offizielle Website: http://thirdstarmovie.com/

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