Chopper

Chopper © Mushroom Pictures Wenn Mark Brandon „Chopper“ Read sich selbst im Fernsehen betrachtet, geschieht dies so, wie ein Hund oder ein Kind es zuweilen mit seinem eigenen Spiegelbild tut: eine Mischung aus Faszination, Unglauben und Starrheit in den Augen, jede Bewegung auf dem Bildschirm mitverfolgend, jeden Moment in sich aufnehmend, als ob das, was er dort sieht, nicht das eigene ICH sein kann. Chopper betrachtet sich gern – und diese Beobachtungslust ist vermutlich das Einzige, das er mit seinem Darsteller, dem aus Wolfgang PetersensTroja“ (OT: Troy) oder Steven SpielbergsMünchen“ (OT: Munich) bekannten australischen Schauspieler Eric Bana, gemein hat. Dieser ist ein exzellenter Beobachter, wenn es um die Feinheiten in der Nachahmung und Charakterisierung des in Australien berühmt-berüchtigten Kriminellen und Autoren Mark Brandon Read (*1954-†2013) geht, auf dessen autobiografischen Büchern der Film unter anderem basiert.

Hilfreich dürften Bana bei der Verkörperung des kontroversen Schwerverbrechers nicht nur seine offensichtliche optische Veränderung gewesen sein, sondern auch sein Talent als Comedian und Imitator von Hollywood-Berühmtheiten wie Tom Cruise, Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger, welches er von 1993 bis 1996 in der australischen Sketch-Comedy-Serie „Full Frontal“ und anschließend in seiner eigenen der Comedy Serie „The Eric Bana Show“ ausleben durfte. In Andrew Dominiks „Chopper“  (OT: Chopper) spielt er den Read so überzeugend, dass man sich tatsächlich fragt, wer oder was diese bizarre Figur des Mark Brandon Read nun ist: ein Psychopath, ein Soziopath, schizophren oder einfach verrückt? Leicht verwischt die Grenze zwischen der Wahrnehmung Choppers als reale Person und des von Bana verkörperten Filmcharakters.

Auch die anderen – zugegebenermaßen neben Chopper zu wahren Nebenrollen „degradierten“ Figuren wirken, nicht zuletzt ob der überzeugenden Schauspielleistung, grausam real oder zumindest so, wie sich viele von uns Gewalttäter, Drogendealer und Junkies – kurz: das dargestellte Milieu – vorstellen. Wunderbar wirken Sequenzen, wie die im verwahrlosten Haus von Reads ehemals „bestem“ Freund Jimmy (Simon Lyndon): Die hochschwangere und drogenabhängige Ehefrau Mandy (Skye Wansey) geistert abwesend durch die Szenerie, nebenan die schlafenden Kleinkinder, und Jimmy selbst gibt die Rolle des „Vögelchens“, das wie eh und je singt; ein anderes Mal befinden wir uns auf dem Anwesen des Mafia- und Drogenbosses Neville (Vince Colosimo): Mit Goldkettchen behangen und im Jogging-Dress ist ihm die Sauberkeit seines Rasens tausendmal wichtiger, als es eine weiße Weste oder ein reines Gewissen je sein könnten. Eine gelungene Stereotype, die gleichzeitig das andere Klischee des elegant-kaltschnäuzigen Mafiabosses erfrischend bricht.

Dass die Handlung des Films den Zuschauer zuweilen verwirrt,  da er nie weiß, ob das Gesehene die tatsächliche oder nur Choppers Version der Wahrheit ist und was man von den Geschehnissen halten soll, stört nicht – im Gegenteil: es macht den Charme des Films aus, der eben kein Biopic sein will. Zudem ist es die Mischung aus Faszination und Abscheu, verbunden mit einem gewissen Maß an Mitleid ob des schlichten Gemüts des Protagonisten und einer gewaltigen Portion Neugierde, die das geneigte Publikum in den Bann zieht. Natürlich sind wir geschockt, wenn Chopper brutal auf seine „Freundin“ Tanya (Kate Beahan) einschlägt oder ohne mit der Wimper zu zucken, mit einer Shotgun ein Loch in die Augenhöhle eines vom ihm des Verrats lediglich bezichtigten Mannes schießt – und dennoch: SIE haben die Spielregeln eben nicht verstanden. Wir, die Beobachter, haben es, und begeben uns somit freiwillig auf seine Seite: Chopper amüsiert und fesselt uns.

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dieser Faszination dürfte dabei das Spiel von Banas Augen mit der nahezu komplett schwarz wirkenden Iris vor einem strahlendweißen Grund haben, welche in einem Moment grenzenlos unschuldig und hilfsbedürftig wirken und im nächsten Moment das absolut Böse ausstrahlen. Sie stechen heraus aus dem bulkigen Koloss, zu dem sich Eric Bana durch konsequentes Zunehmen von 30 Pfund für den Film gemacht hat. Nichtsdestotrotz stimmt die Körpersprache des tätowierten Mörders, kleine Gesten wie die im Sitzen unruhig arbeitenden Beine, während die Augen wachsam über den Raum huschen – beide Zeichen der ewigen Paranoia Reads. Ob er mit seinem Verfolgungswahn Recht hat, wird uns nicht verraten, konsequent spielt Regisseur Dominik mit dem, was wir glauben, glauben zu können und was nicht.

Mark  Brandon Read selbst, hegt nie einen Zweifel daran, ein „good bloke“ zu sein: In seiner Eitelkeit und Ruhmessucht nimmt er seine Selbstinszenierung für bare Münze, er IST der Polizeiinformant/Rächer/Gentleman und das Literaturgenie, der bzw. das er zu sein glaubt. Wir hingegen sehen, wie Choppers Gehirn auf Hochtouren läuft, wenn er versucht, unbequemen Gedanken oder Gefühlen auszuweichen, und sich die Welt so macht, wie sie ihm gefällt. So wird für ihn aus einem Friedensangebot innerhalb kürzester Zeit ein Angriff, dem er natürlich am besten zuvorkommt. Schnell und mit brutaler Gewalt. Von dieser gibt es in expliziten Darstellungen  einiges im Film zu sehen: Stich- und Schusswunden, zerschnittene Ohren, Schläge – und doch ist die Zurschaustellung ihrer zum Teil so aberwitzig, dass man erneut in einem Paradoxon gefangen ist, nämlich lachen und sich gleichzeitig angewidert abwenden zu mögen. Letztendlich schaut man jedoch mit leicht geöffnetem Mund weiter zu und denkt: was für ein abgefahrener Film.

Chopper (OT: Chopper)
AUS 2000 / 94 min / FSK: 18 / Australian Film Finance Corporation (AFFC), Mushroom PicturesPariah Entertainment Group
Regie: Andrew Dominik
Drehbuch: Andrew Dominik (basiert auf den autobiografischen Büchern von Mark Brandon „Chopper“ Read)
Darsteller: Eric Bana, Simon Lyndon, Vince Colosimo, Kate Beahan, David Field, Bill Young …mehr
Produktion: Michele Bennett
Musik: Mick Harvey
Kamera: Geoffrey Hall, Kevin Hayward
Schnitt: Ken Sallows

Offizielle Website (Film): http://mushroompictures.com.au/2000/05/chopper
Offizielle Website Mark „Chopper“ Read: http://www.chopperread.com

Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>