Gefährten im Stage Theater des Westens (Berlin)

Gefährten © Stage Entertainment/Morris Mac Matzen) Besser als die Filmadaption: Am 20. Oktober 2013 hat die erste nicht-englischsprachige Fassung des preisgekrönten und internationalen Theatererfolges „War Horseunter dem Titel „Gefährten“ im Stage Theater des Westens in Berlin das Licht der Bühnenwelt entdeckt. Das auf dem gleichnamigen Jugendroman von Michael Morpurgo basierende und von Nick Stafford adaptierte Stück wurde erstmals im Jahr 2007 als eine Produktion des National Theatre of Great Britain, London, aufgeführt und hat seitdem Ableger in den USA, Kanada und Australien.

Erzählt wird die abenteuerlich anmutende und doch von tiefem Ernst des Ersten Weltkrieges geprägte Geschichte des Farmjungen Albert und seinem Pferd Joey von 1912 bis 1918, vom englischen Devon bis in die Schützengräben Nordfrankreichs. Ganz wie in Michael Morpurgos Absicht, einen Roman über den Ersten Weltkrieg zu schaffen, der über die nationale Sichtweise hinaus einen universellen Zugang zu den Leiden des Krieges ermöglicht, beleuchtet das Stück eine Vielzahl an Kriegsthemen – und hält sich dabei dicht an seinen Charakteren.

So erzählt „Gefährten“ zudem eine Geschichte über die verschiedenen Seiten der Menschen – sei es im Krieg oder außerhalb dessen. Da sind als erstes die beiden unterschiedlichen Brüder Narracott: Arthur Narracott – vermögender Landbesitzer und Veteran des Burenkrieges, dessen Sohn Billy ebenso wie er als ein der Krone ergebener Soldat in den neuen Krieg ziehen soll – und Ted Narracott – ein Gelegenheitstrinker, der Haus und Hof gerne für eine Wette aufs Spiel setzt und im Gegensatz zu seinem Bruder die heimatliche Farm bestellt hat, während dieser im fernen Afrika kämpfte.

Teds Sohn Albert wiederum ist ein Träumer: Als Junge bekommt er die Aufzucht von Joey übertragen, dem Pferd, für das sein Vater bar jeder Vernunft gesteigert hatte, und das nicht einmal für die Farmarbeit taugt. Joey wird Alberts bester Freund. Die Beziehung der beiden ist sogar so innig, dass Albert dem von seinem Vater bei Kriegsbeginn an Captain Nicholls verkauften und folglich für den Fronteinsatz vorgesehenen Joey kurze Zeit später in den Ersten Weltkrieg folgt – auch wenn er dafür mit seinen erst 16 Jahren eigentlich zu jung für den Einsatz ist. Fortan wird er Joey inmitten der geballten Zerstörungskraft menschlichen Tuns suchen, im Dreck der Schützengräben nach ihm fragen, währenddessen immer mehr seiner Kameraden auf den von Stacheldraht starrenden Schlachtfeldern sterben. Inmitten dieser Szenerie sehen wir erneut verschiedene Seiten, doch liegen sich diese nicht unbedingt in den Gräben gegenüber: Alliierte und Deutsche sind Feinde – welcher Mensch „gut“ und welcher „schlecht“ ist, darüber entscheidet weder die Landes- noch die Rangzugehörigkeit. Selbst zwischen den alliierten Pferden kommt es zu Kämpfen und Konflikten, wie zwischen Joey, dem gutmütigen, aber intelligenten Misch-pferd, und Topthorne, dem stolzen und heißblütigen Hengst des britischen Captain Stewart.

Nachdem Joey und Topthorne in deutsche „Gefangenschaft“ geraten sind, ist es wiederum ein Deutscher, der Soldat Friedrich Müller, der sich oftmals gegen den Befehl seiner Vorgesetzten und unter Einsatz seines eigenen Lebens um die sensiblen Geschöpfe und später auch um das französische Waisenkind Emilie zu kümmern versucht. Müllers Werte drehen sich um das, was im Krieg keinen Wert mehr zu haben scheint: die Individualität und die Bedeutung des Lebens. Seinem pflichtbewussten Vorgesetzten und ehemaligen Kameraden Klausen geht es ebenfalls um das Leben: doch nicht um das des Individuums, sondern um das Überleben seiner Soldaten als „Humankapital“ für den Kriegsgewinn.

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Im Laufe des Stückes begegnen uns noch viele weitere Charaktere, deren Schicksal auf besondere Weise mit Joey und Albert verknüpft sind: Unbewusst sind sie die verbindenden Elemente bei der außergewöhnlichen Suche Alberts nach Joey und den Kampf beider ums Überleben/um die heile Rückkehr nach Hause. Ob ihnen dies gelingen wird, werden Kenner des Romans oder des ob seiner groben Schwarz-Weiß-Moral völlig aus der Balance geratenen und somit leider missratenen Films „Gefährten“ (OT: „War Horse“) von Steven Spielberg wissen. Gerade im Vergleich zu dieser Filmversion aus dem Jahr 2011 nimmt sich das Stück ausgenommen nuancierter aus und hat insofern auch schauspielerisch eine bessere Leistung zu bieten als Hollywood es vorgemacht hat. Hervorzuheben sind an dieser Stelle Andreas Köhler als Friedrich Müller, Philipp Lind als Albert Narracott und – in einer kleinen Rolle – Christian Miebach als Soldat David Taylor sowie die eigentlichen „Hauptdarsteller” Joey und Topthorne alias (in alphabetischer Reihenfolge) Torsten Ankert, Johnny Berg, Ben Cox, Rhys George, Kristi Hughes, Richard Krutzsch, Jakob Nienhaus, Roberto Olvera, Rachel Pattinson, Timo Radünz, Ryan Reid, Sebastian Römer, Tobias Roloff, Philipp Romann, Markus Schabbing, Alexander Soehnle und Stephan Witzlinger – der Kopf, das Herz und der Körper der Pferde-Puppets.

Ohnehin ist die Darstellungsform der Tiere durch die von Basil Jones und Adrian Kohler geschaffenen Figuren der Handspring Puppet Company eine Meisterleistung, welche den Publikumserfolg des Stückes seit seiner Premiere in London mit erklären dürfte. Die aus einem Kunstgeflecht von Rattan, Leder und Metall gefertigten Pferde begeistern im Zusammenspiel von Puppe und Puppenspielern mit einer Lebendigkeit, die auf den real wirkenden Details wie Atmung, Geräuschen und sehr genau beobachteten Bewegungen beruht. Allein für die Pferde gibt es daher zwei Regieabteilungen unter Puppetry Director Mervyn Millar (Assistent: Enrico D. Wey) und Director of Movement and Horse Choreography Toby Sedgewick (Assistentin: Laura Cubitt). Dass den Tieren und vor allem den beiden Pferden Joey und Topthorne eine derart zentrale Rolle zugestanden wird, ist eine kluge Entscheidung, erzählt die erstmals 1982 erschienene Buchversion von Michael Morpurgo doch gänzlich aus der Perspektive von Joey selbst.

Das 2011 mit dem Tony Award prämierte Bühnenbild der Set-Designerin Rae Smith überzeugt besonders in Kombination mit der Regiearbeit von Polly Findlay (Berliner Produktion) bzw. Marianne Elliott und Tom Morris (Originalproduktion) in seiner Redu-zierung und Abstraktion. Minimalistische Einfälle wie Swings, die mit Stangen die Rolle von Zäunen übernehmen, oder die in Slow Motion gespielten Granateinschläge bzw. Sterbeszenen und ihre visuelle „Spiegelung“ auf einer bühnenübergreifenden Projektionsfläche darüber überbrücken die Begrenztheit der Bühne und ersetzen wirkungsvoll klassische, meist überladen wirkende Bühnenbauten oder Special Effects. Zugleich dient die Projektionsfläche, die teils statisch, teils animiert Seiten aus dem Zeichenbuch des Captain Nicholls symbolisiert, als zeitlicher und örtlicher Rahmen der Handlung, und illustriert – ähnlich wie die in den Szenenwechseln eingeschobenen Songs von John Tams (Übersetzung: John von Düffel) – in mitunter recht abstrakter Form die Atmosphäre des Stücks.

„Gefährten“ berührt ohne Anklänge von Kitsch oder allzu großer Rührseligkeit – dafür ist sein Setting, trotz manch humoriger Einlage, spätestens ab der zweiten Hälfte des ersten Aktes zu ernsthaft. Gerade in Anbetracht des anstehenden 100-jährigen Jahrestages zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 ist es eine wichtige Ergänzung zur populären Erinnerungskultur. Die Auseinandersetzung mit dem häufig „im Schatten“ des Zweiten Weltkrieges stehenden „Great War“ (wie der Erste Weltkrieg im englischsprachigen Raum gern genannt wird) ist eine wichtige Aufgabe – nicht nur im Rahmen der Wissenschaftlichen, sondern auch der gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitung: Als Vorläufer und – wie von einigen Historikern argumentiert wird – historische (Mit-)Bedingung für den Zweiten Weltkrieg, offenbart sich eine Verantwortung zur Erinnerung – ohne dabei die unermesslichen Gräuel des Holocausts zu vergessen oder ihr Erinnern zu historisie-ren. Insofern ist es ein Glücksfall, dass der damalige Direktor des National Theatre, Tom Morris, über zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des Romans die Idee hatte, dessen Handlung für die Bühne zu adaptieren und so einem breiten Publikum die Annäherung an eines der großen Geschichtsthemen des 20. Jahrhunderts zu ermöglichen.

Die zentrale Rolle der von Natur aus „staatenlosen“ Pferde ist im Übrigen nicht nur ein gelungener „Trick”, den Opfern des Krieges eine universelle Dimension zu übertragen – die Verluste von Tieren und besonders Pferden im Ersten Weltkrieg waren tatsächlich immens: Von etwa einer Million allein von Großbritannien ins Feld geschickten Tiere kamen nur ca. 62.000 wieder zurück – in Nordfrankreich und Belgien überlebten rund 32000 von ursprünglich ca. 470000 Pferden und Eseln (Quelle: Imperial War Museum). Nichtsdestotrotz ist „Gefährten“ keine belehrende Geschichtsstunde, sondern ist kurzweilig und unterhält den Zuschauer dank seiner überraschenden Optik, der stimmigen Atmosphäre und einer ungewöhnlichen Geschichte auf ausnehmend gute Weise.

Gefährten
ab 20. Oktober 2013

Stage Theater des Westens
Kantstraße 12
10623 Berlin

Mo: keine Aufführung
Di, Do und Fr : 1930h
Mi: 1830h
Sa: 1430h und 1930h
So: 1430h

Dauer: 3h inkl. Pause

Karten: ab 26,89€ im VVK und 19,90€ an der Abendkasse

Weitere Informationen, Anfahrt und Preise

Kulturpartner: Deutsches Historisches Museum (DHM)

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